BAUERNPROTEST: HUNDERTE TRACKTOREN VOR DEM REICHSTAGSGBÄUDE

Veröffentlicht am 9.2.2021 auf Epoch Times

von Rebecca Sommer

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Seit über 2 Wochen fahren unsere protestierenden Bauern aus ganz Deutschland mit ihren Tracktoren durch Berlin. Heute stehen sie direkt vor dem Bundestagsgebäude, ganz nah. Ein eindrucksvolles Maschinen-Mahnmal. Das Landvolk meldet sich zu Wort mit allem was es hat – jedenfalls gemessen an den gigantsichen PS-Zahlen die hier zusammengekommen sind und ansonsten Alltags dort tätig sind, wo unter anderem das gute deutsche Brot seinen Ursprung hat: Auf dem Feld. Ein Bild voll Symbolkraft. Eine ungemütliche Mahnung will man sein, gerichtet an die da drinnen hinter dem Schriftzug: „Dem deutschen Volke“.

Die Berliner Polizei genehmigte sogar das gemeinsame Hupen, dass in diesen Tagen zur Soundkulisse von Berlin gehört, wie die großen meist grüngestrichenen Kolosse der Bauern aus ganz Deutschland zum Straßenbild. Hat mal jemand das Hupkonzert von vielen Traktoren erlebt? Es geht einem durch Mark und Bein. Noch mehr, wenn man weiß, um was es hier geht: Um ein letztes Aufbäumen von Verzweifelten, um eine Erschütterung der Lebenswelt dieser fleissigen Menschen, die so gar nicht zu der Erhabenheit ihrer Tracktoren passen will. Der Mensch ganz klein im Schatten seiner Werkzeuge, aber stolz und erhobenen Hauptes im Schatten des Reichsttags, da, wo wiederum das Unheil für diese Bauern seinen Ursprung hat.

Soll doch Hupen durch die dicken Mauern dringen und mitten hinein in das Bewusstein der Politiker, die morgen über den umstrittenen Entwurf zum Insektenschutzgesetz aus dem Haus der Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) abstimmen müssen. Denn darum geht es den Protestierenden ebenso, wie um den Entwurf der Pflanzenschutzanwendungsverordnung – aber eigentlich um noch so viel mehr!

Die Landwirte vor Ort sprechen über das Insektenschutzpaket von einer „Enteignung durch die Hintertür“. Auf mindestens 1,2 Millionen Hektar dürfen dann keine Herbizide, Insektizide und Fungizide mehr zum Einsatz kommen. Das entspräche 7 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche in Deutschland. Davon betroffen wäre auch die Forstwirtschaft, wo der Borkenkäfer dann ganze Wälder ungehindert durchnagen und zerstören könnte.

Dem deutschen Bauernstand, einst Stütze der wohnortnahen Lebensmittelversorgung, geht es nicht erst heute schlecht. Ein Bauernsterben gibt es schon länger, aber jetzt hat es noch einmal Fahrt aufgenommen und wird zu einem massiven und unausweichlichen Bauernsterben. Import, anstatt Ernährungssouveränität im eigenen Land ist da nur ein düsteres Zukunftsgemälde angestrebt von der Politik da in diesem steineren Haus vor dem jetzt die Traktoren hupen. Die Lage ist wirklich Ernst, deshalb sind so viele Bauern von hoch aus dem Norden, aus dem Süden, dem Osten und Westen Deutschlands in die Hauptstadt gefahren auf ihren Traktoren mit den übermannsgroßen Reifen.

Ich bin vorvorletzten Sonntag ganz von oben aus dem Norden mit einem der Treckerkolonnen bis nach Berlin mitgefahren. Ich habe erlebt, wie Landwirte in Berlin im Regen, im Schnee und ohne Aufenthaltsraum im Freien sich in den Pausen an den verschiedenen Proteststandorten um Feuertonnen stehend wärmten – Bilder wie aus einem Bauernepos Made by Hollywood aber doch ganz real. Ich habe gesehen wie die Stadtbevölkerung hinter den Bauern steht und ihnen warmes Essen, Holz und vielfachen Zuspruch spenden.

Die Bauern standen vor dem Bundesministerium für Umwelt, dem Landwirtschaftsministerium, sie standen vor dem ZDF, ARD, RBB, CDU, SPD und anderen Orten, um auf ihre Not, Verzweiflung aber auch wachsende Wut angesichts der dramatischen Lage ihres Berufsstandes aufmerksam zu machen.

Die Öffentlich-Rechtlichen berichten nicht. Auch dann noch nicht, als hunderte von Traktoren direkt vor ihren Türen standen und sie die Bilder frei Haus bekamen, für die sich partout nicht ausrücken wollten. Ja doch, das RBB hat sich inzwischen mal blicken lassen. Das ZDF will eventuell heute mal vorbeizukommen. Dafür sind die Bilder vorm Reichtagsgebäude auch einfach zu gut, als dass man diese noch verschweigen könnte. Oder kommt man, um die Bauern zu diskreditieren? Schon gestern gab es ein zweistündiges Gespräch mit dem ZDF und einigen der Landwirtschaftsvertretern – auch hier waren es die Bauern, die wieder die Initiative ergriffen.

Die Bundesumweltministerin hat es während dieser Wochen des bäuerlichen Protestes nicht für nötig gehalten, einmal aus ihrem Ministerium herauszukommen um sich wenigstens einmal mit den zornigen wie verzweifelten Landwirten vor ihrer Tür auf ein Gespräch einzulassen – wohlwissend, dass hier hinter jedem Mann und jeder Frau eine Familie im Existenzkampf steht.

Die Landwirtschafts-und Ernährungsministerin liess auch auf sich warten, obwohl ganz in ihrem Ministerium, wie in einem Palast, in ihrem Büro in der oberen Etage ein einziges Licht brannte. Sie konnte also theoretisch aus ihrem Fenster auf die Traktoren und Bauern herabsehen, bevor sie sich dann am vorvorletzten Mittwoch entschloss, herauszukommen.

Nein, die Bauern oder eine Delegation von ihnen wurden nicht hineingelassen, sie standen draussen, in der Kälte, und mussten sich von Klöckner anhören, dass entweder das Umweltministerium, oder die Regierung, oder die EU dieses und jenes nicht zulassen würde, diese oder jene Auflage, oder Gesetz zwar problematisch für die Landwirte, aber wegen diesem oder jenem halt so sei!

Dabei weiß sie als auch die Politik vom unsäglich traurigen Bauernsterben in unserem Land, sie alle kennen auch die Gründe dafür: Die Politik lässt zu, wider besseres Wissen – nein: ohne Gewissen! – das es so ist, sie verabschiedet immer mehr Gesetze, Regeln, Maßnahmen, die unsere Landwirte erwürgen.

Allerdings fand letzten Donnerstag eine Videokonferenz zwischen Klöckner und sogenannten “stakeholders” statt, unter anderem war der NABU, Bauernverband, Land schafft Verbindung mit dabei. Gestern wurde dem kleinen Kreis dann von Klöckner per Telefonkonferenz mitgeteilt, dass Ackerflächen aus dem Insektenschutzgesetz nun doch ausgeklammert worden und nur noch Grassflächen davon betroffen seien. Ja, die Hoffnung stirbt zuletzt aber mit ihr die Bauern.

Hier muss ich nochmal drauf hinweisen, dass man in diesem Land Gesetzesentwürfe nicht einsehen darf, diese sind ausgewählten Kreisen zugänglich. Ich erfuhr das, als ich nach den Gesetzesentwürfen fragte. “Das könne ja populistisch ausgenutzt werden” so eine Pressesprecherin eines Ministeriums.

Ich war bis jetzt der Meinung gewesen, dass in einer Demokratie das Volk, die Presse als vierte Gewalt und die Zivilbevölkerungsvertretungen grundsätzlich das Recht auf “Free, Prior, Informed Consent (FPIC)” haben sollten. Das Recht, sich unzensiert und frühzeitig informieren zu können, um dementsprechend auch agieren zu können: sei es in Form von Recherche, Aufklärungsarbeit (Presse), oder in Form von Konsultationsprozessen der Betroffenen (Landwirte) als auch Lobbyarbeit bei den Entscheidenen. So muss man nun auf die morgendliche Verabschiedung des Insektenschutzgesetzes und Pflanzenschutzanwendungsverordnung warten, um den bis dahin verheimlichten Text dann endlich auch lesen zu dürfen – also quasi dann, wenn es zu spät ist, wenn der Protest nur noch ein nachgereichter sein kann. Wenn es dann wieder heißt: Warum habt ihr euch nicht aktiv an der Entscheidungsfindung beteiligt? Was für ein Sarkasmus eigentlich.